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Knigge-Konjunktur

17.08.2016 von Dorle Weyers

Von schlichten Ratgebern und schlechten Rezepten

Knigges haben einfach Konjunktur. Und weil ein Knigge allein dem Büchermarkt nicht mehr genügt, überschwemmen ihn fast täglich neue Verhaltensratgeber: Tun Sie dies! Verhalten Sie sich so und nicht so! Xy geht gar nicht! Sie müssen unbedingt …! Sie dürfen auf gar keinen Fall …! – Meist wird nicht einmal versucht, den direktiven bis imperativen Habitus abzumildern. Wozu auch? Wer auch immer einen Ratgeber schreibt, erlangt hierdurch schließlich Expertenstatus; auch wenn er oder sie außer der Autorenschaft im ganzen Leben nichts getan hat, was die vermeintliche Expertise begründen würde.

Wer bei den entsprechenden Verlagen gut im Geschäft ist, erteilt den gewillten Leserinnen und Lesern seinen – mal mehr, öfter aber auch weniger – kompetenten Rat. Und je häufiger er (oder sie) dies tut, zu desto mehr Themen avanciert er eben zum 'Experten'. Ratlosigkeit im Umgang mit den eigenen Zeitgenossen ist ja nicht gerade rar, die Druckkosten sind niedrig, der Büchermarkt kurzlebig – eine wahre Blütezeit also für flache Typologien, Checklisten, To-Do's, No-go's und die ein oder andere Stammtisch-Weisheit. Nur wird all dies durch ständige Wiederholung mit leichten Variationen im Konkurrenz-Verlag oder in der 10-Minuten-Ausgabe oder im allerneuesten Sprüche-Kalender nicht besser.

Wie ertragen die Leserinnen und Leser diese globale Beratschlagung eigentlich? Wer schreiben kann und sich mit den Vertragsmodalitäten der Verlage arrangiert, wird heutzutage schnell 'Kulturschaffender', indem er vermeintliche Kommunikationsregeln schwarz auf weiß in die Welt setzt. Zugute kommt ihm natürlich, dass vielen fachlich kompetenteren Autorinnen und Autoren zuweilen das Schreibtalent fehlt. Aber mal ehrlich: Wer hält diese in grauen Kästchen mit großen Ausrufezeichen geschmückten Verhaltensregeln tatsächlich für Königswege?

Liebe moderne Knigge-Autorinnen und -Autoren: Ich denke, Ratgeber könnten von der Beratungsbranche lernen: Was würde wohl passieren, wenn Sie statt allzu schlichter To-Do's and Don'ts die Menschen zum Selber-Denken anregten? Was wäre die Wirkung, wenn Sie nicht so tun würden, als wüssten Sie genau, was diese Ihnen fremden Menschen in Ihnen fast unbekannten Situationen tun m-ü-s-s-e-n? Was wäre, wenn Sie der Welt etwas mehr Komplexität lassen würden, als es das 'Keep it simple and stupid'-Motto erlaubt?

Ja, stellen wir uns das vermeintlich Unmögliche vor! … Vielleicht würden dann irgendwann wieder weniger Menschen glauben, es sei souverän und schlagfertig, fremde Leute mit auswendig gelernten Sprüchen anzupöbel, z. B. weil diese auf der Rolltreppe mal an ihnen vorbei möchten.

 

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