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Gesund selbstständig: Wie Freiberufler professionell mit Gefühlen umgehen

27.10.2017 von Dorle Weyers

Wie können Freiberuflerinnen und Freiberufler professionell mit negativen Gefühlen umgehen? Helfen kluge Ratgeber-Tipps, die unter Professionalität vor allem ewige Gelassenheit und Freundlichkeit verstehen? Das Verhältnis von Emotionen und Professionalität ist für freiberuflich Tätige existenziell, denn: 

 

"Herzblut: Wo alles selbstgemacht ist, geht es schnell ans Eingemachte

Freiberufliche Dienstleistungen sind oft eine sehr persönliche Sache. Vielfach werden sie mit Leib und Seele hergestellt. Manche sind gar nur theoretisch von der Anbieterin zu trennen (z. B. Beratungen). Bemühen wir uns auch tapfer um die nötige Distanz: Je mehr das Produkt von unserem Herzblut lebt, desto stärker die Bindung. Und desto leichter sind wir auch im Geschäft persönlich zu treffen. Das gilt besonders für Menschen, die zu hohem Engagement und starken Gefühlen neigen. Und es akkumuliert sich, je mehr die Freiberuflerin ihren Geschäften allein nachgeht. Gegen derlei emotionale Verletzbarkeit hilft erstens: Die Gefühle wahr- und ernst zu nehmen und zweitens: der Verstand. Beides kann bei Tumulten in Kopf und Bauch wunderbar helfen, Innenleben und Außenwirkung wieder zu sortieren, statt das ein oder andere zu ignorieren.

Auch wenn es wenig schick ist, wegen einer blöden Kritik an Ihrer Leistung zu Tode gekränkt zu sein: Fühlt es sich erst einmal so an, ist Leugnen zwecklos. Schlucken Sie die bissige Retourkutsche an die Kundin ruhig schnell herunter, aber nehmen Sie Ihre Gefühle ernst.

Gut gemeinte Ratschläge wie „Nimm das doch nicht so persönlich“ oder „Das musst du viel sportlicher sehen“ sind dabei selten hilfreich. Schließlich war selbst Rudi Völler im Sommer 2003 mit seinem Sportsgeist am Ende, weil er sich unfair behandelt fühlte. Und das trotz laufender Kameras und Spitzengehalt.

Fouls und andere miese Tricks werden außerhalb des Spielfelds ohne Schiedsrichter verhandelt. Wenn es also weh tut und kein Schiri guckt, sehen Sie selbst hin: Unterscheiden Sie Ursachen und Anlässe, aktuellen Ärger und alte Geschichten. So können Sie prüfen, was wirklich Ihr „Eingemachtes“ betrifft und was lediglich das Selbstgemachte.

 

‚Always ultra busy!’

Auch das propagieren viele Ratgeber. Die Gründerin, so wird empfohlen, sei eigentlich immer beruflich unterwegs. Keine Party und kein Kneipengang, die nicht der Akquise dienen sollten. Zuweilen klingt es, als müsse jeder Schritt vor die Tür, jeder Kontakt zur Außenwelt geschäftlich inszeniert sein. Eine Vorstellung, die den Begriff ‚selbstständig’ konterkariert. Schade um die schöne Freizeit, die doch eigentlich der Regeneration dienen sollte! Natürlich hat jede Handlung soziale Folgen, und diese scheren sich nicht darum, ob Sie gerade privat unterwegs sind oder geschäftlich. Aber wenn die freiberufliche Dienstleistung schon ein so persönliches Geschäft ist, schützen Sie Ihre Freiräume! Erhalten Sie die ökologischen Nischen, in denen Sie nicht ‚im Dienst’ sind. Hier wächst Einheimisches neben Exotischem, ungezähmte Individualität paart sich mit starker Persönlichkeit.

Arbeitsstrukturen, Image und Orientierung muss und darf die Freiberuflerin selbst kreieren und (er-)füllen. Wenn Sie in Ihrem Leben keine geschäftsfreien Zonen schaffen, wer soll es dann tun?"

 

"Seien Sie sich eine gute Chefin!

Jede Gründung ist ein Prozess. Wer beruflich selbstständig wird, durchläuft viele Phasen, mal hoch, mal tief, mal mittelmäßig. Dabei geht es niemals nur geradeaus und bergauf. Manchmal kommen Sie richtig ins Schlingern. – Vielleicht hat man Sie aufs Glatteis geführt? – Manchmal geht es durch öde Ebenen. Ein anderes Mal wird Ihnen übel vom Zickzack-Kurs der Serpentinen.

Die eigene Chefin zu werden, verändert die Rolle, die Sie in Ihrem Leben spielen. Und damit wandelt sich nicht selten das Selbstbild. Wahrscheinlich verändert sich Ihre Einstellung zu Geld, Leistung, Selbstdarstellung und Bescheidenheit. Vermutlich verändert sich so manche Beziehung. Manche Freunde gehen, andere kommen. Die meisten Dinge, die mit Ihrem Geschäft zu tun haben, werden sehr wichtig und stellen bisherige Prioritäten in den Schatten. Mal ist die neue Selbst-Positionierung spannender als jeder Krimi, mal wissen Sie gar nicht mehr, wo es lang gehen soll.

Halten Sie sich deshalb nicht für unfähig. Den meisten Menschen geht es nicht anders. Nur drüber sprechen, ... – das tut man eben nicht. Leider, denn Verschweigen erhöht den Leidensdruck und die Angst vorm Scheitern. Vielleicht wird es finanziell zuweilen richtig eng. Auch das ist alles andere als ungewöhnlich. Vielleicht sehnen Sie sich eines Tages so sehr nach langfristiger ökonomischer Sicherheit, wie Sie es sich früher niemals hätten träumen lassen. Auch damit stehen Sie nicht allein.

Das Leben ist selten so klar strukturiert, wie es der neudeutsche Business-Plan nahe legt. Anstelle der modellhaft linearen Entwicklung nach oben sind wir mit dem Wechsel von Struktur und Chaos konfrontiert. Selbstständig arbeiten heißt vor allem auch: sich permanent und immer wieder selbst Orientierung zu geben. Dabei helfen neben guten FreundInnen auch bessere Bücher als die, die einen Mythos nach dem nächsten Tabu reproduzieren.

Wir leben in einer recht erfolgswütigen Kultur, in der die Möglichkeit zu scheitern weitgehend tabuisiert wird. Stattdessen suchen wir einen Superstar nach dem anderen. Kombiniert mit den beschriebenen Mythen ist die Verführung groß, sich eigene Patzer kaum einzugestehen. Verdrängung und Leugnung sind aber schlechte Berater, wenn es darum geht, seinen Platz im wahren (Geschäfts-) Leben zu finden.

Wenn es also hier und da oder sogar insgesamt nicht klappen sollte: Lernen Sie daraus, wie es besser geht, und seien Sie ebenso großzügig wie kritisch mit sich selbst. Gönnen Sie sich, auch mal Fehler zu machen, ohne internes Donnerwetter und ohne rosarote Wölkchen.

Seien Sie einfach eine nette Chefin zu sich selbst; eine, die bewusst handelt und Sie konstruktiv kritisiert, die Ihre Talente fördert und in Schwachpunkten eher Entwicklungspotenziale sieht, die klare Grenzen setzt und über Spielräume verhandelt; eine, die hinter Ihnen steht und sich notfalls auch mal vor Sie stellt und die weiß, dass Sie am meisten von Ihnen hat, wenn Ihre berufliche Aufgabe und Ihre Persönlichkeit optimal zusammenpassen. Und (be-)hüten Sie sich davor, perfekt zu sein ...

 

(aus D. Weyers: Kopfarbeit kalkulieren & verkaufen. Münster 2004: 64ff)